Mein Pferd...mein Pferd!
Aus Botho von Bergs "Mit Trakehnern fing alles an"

Aber ich hatte mein Schimmelchen, mein Pferd, mein Pferd. Lilienprinz hatte seinen Menschenfreund. Ein solches Pferd braucht seinen persönlichen Freund. Diese gegenseitigen Beziehungen entwickelten sich überraschend schnell. Ich träumte nur noch von ihm. Die Kinder haben alle drei auf ihm sitzen gelernt, zuerst an der Longe, dann auch gelegentlich schon ohne Longe, weil Lilienprinz sich durch meine Zurufe leiten ließ.

Ich konnte es allerdings nicht wagen, ein Kind allein mit ihm losreiten zu lassen. Einmal kam er klabaster, klabaster unter Karin zum Stall galoppiert. Karin hatte sich vernünftigerweise an der Schlaufe am Sattel vorn festgehalten und fein hintenüber gesessen, wie sie es gelernt hatte. Etwas erschreckt hatte sie sich und meinte nur: "Scheißpferd!" Obwohl sie ihn im Grunde lieb hatte.

"Ich erzählte ihm vom alten Hans, von Sagitta, von Streiter. Er spitzte die Ohren, wieherte oft leise vor sich hin, verstand alles...Er lief mir nach, er suchte mich auf dem Brandelweg, wo unsere Wohnung liegt."

Ich ritt den Lilienprinz nun täglich, zuerst nur im Schritt, später dann auch im ruhigen Trab mit kurzen Galoppeinlagen. Wir ritten bergauf, bergab durch die Buchenwälder in ihrem ersten grünen Schleier. Der Kuckuck rief, die Vögel jubilierten. Wir tranken aus dem Quell, der frisch und rein aus dem Berghang sprudelte. Wir ritten auf zur tausendjährigen Burgruine, wie einst die Ritter. Wir unterhielten uns in einer Sprache, die nur wir verstanden. Ich erzählte ihm vom alten Hans, von Sagitta, von Streiter. Er spitzte die Ohren, wieherte oft leise vor sich hin, verstand alles. Wie man so sagt, wir waren ein Herz und eine Seele. Mein Pferd, mein Pferd. Er lief mir nach, er suchte mich auf dem Brandelweg, wo unsere Wohnung liegt.

Es konnte ja nicht ewig dauern. Lilienprinz zu groß, die Kinder noch zu klein. "Wollen Sie ihn nicht kaufen?" "Wovon?" "Was sollen wir machen?" "Auf keinen Fall kommt dieses Pferd wieder zum Händler." In solch schwieriger Lage passieren Wunder. Erschien doch da eines Morgens ein großer, freundlicher Orientteppich-Kaufmann aus Freiburg, in Begleitung eines Zeugen und eines hübschen Mädchens in Reithosen. Telefon vom Kronenwirt: "Da ist einer, der Interesse am Schimmel hat. Kommen Sie doch bittschön mal rüber."

Ich kam rüber. "Guten Morgen! Ich bin interessiert an dem Schimmel. Der ist mir aber zu teuer. Der soll auch ein Krippensetzer sein. Der soll auch schwierig und kitzlig beim Putzen und Satteln sein. Ich kenne den Schimmel von früher. Der ist nämlich ein Ungar, den ich mitgebracht habe, als ich mir dort ein anderes Reitpferd besorgte. Ich verlor den Schimmel dann aus den Augen. Ich möchte ihn gern wiederhaben. Das ist der Schimmel. Mein Begleiter erkennt ihn auch wieder. Das ist der Bulek aus Ungarn." "Was erzählen Sie mir da? Was soll dieser prachtvolle Schimmel alles haben? Krippensetzer, Schwierigkeiten? Und wenn er Krippen setzte! Ich könnte Ihnen Beispiele nennen — viele hatten diese Gewohnheit. Sie ist ein Zeichen für ungewöhnlich ausdauernde, zähe Pferde, für Pferde, die nicht genügend Bewegung haben und sich im Stall langweilen. Schwierig beim Putzen, beim Satteln, womöglich beim Aufsitzen? Ich werde es Ihnen zeigen." "Komm her, mein Schimmelchen. Sie wollen dich schlecht machen..."

Ich den Lilienprinz putzen, unterm Bauch, überall. Er spitzt die Ohren, wohlig berührt. Ich den Lilienprinz satteln. Er steht wie eine Mauer. Ich den Lilienprinz besteigen, ganz ruhig und bedächtig, meinen Jahren entsprechend. Er rührt sich nicht. Am langen Zügel anreiten, Trab, Galopp, kurz durchpariert, absitzen, Bügel hoch. Ihn allein stehen lassen. "Das soll Ihr Schimmel sein mit den Schwierigkeiten?" "Jawohl, das ist er, der Bulek! Ein herrlicher Kerl! Ich muß ihn wiederhaben." Wir fielen uns fast um den Hals. Zu dem muß mein Schimmel hin. Bei dem wird er es gut haben. Ein Wunder war geschehen. Im Distanzritt brachte ich Lilienprinz an einem frühen Sonntagmorgen quer über Land, quer durch Freiburg zum Deutsch-Französischen Reitclub, wo eine wohlvorbereitete Box ihn erwartete. Alle, die wir ihn lieben, treffen uns oft in der Malecker Krone und lassen die Gläser klingen auf mein Pferd, mein Pferd.




 

[Botho von Berg: Mit Trakehnern fing alles an.- Rautenberg, Leer, 1976. Zitat S.155-157.]

 

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