"Entschuldige, mein Tier, ich werde schon noch dahinterkommen"
Aus Udo Bürgers "Vollendete Reitkunst"

Glücklich sind die Selbstzufriedenen, die sich aus dem Alltag heraus hin und wieder in das Vergnügen stürzen, es genießen, so gut sie können, sich wie ein König im Sattel und im Ballsaal fühlen, Schneid, aber keinen falschen Ehrgeiz haben, sich sportlich zu produzieren und sich nicht den Kopf darüber zerbrechen wollen, was es wohl noch zu lernen gäbe. Denn Reiten ist nicht weiter schwierig, solange man nichts davon versteht. Wenn man es aber einige Jahre versucht hat, dann liegt der Fall ganz anders. Sehr viel später denkt man wehmütig an die unbeschwerte Zeit zurück, in der man davon überzeugt war, man könne es schon. Ich weiß das genau. Eines lauen Maien abends, da ich noch zur Quarta ging, flog ich mit meinem braunen Wallach Hans - Hans und Liese hießen damals die meisten Pferde im Osten - über eine Hecke mit Graben. Halb unter mir fuhren zwei Köpfe mit Entsetzen in den Gesichtern auseinander. Oh, wie gräßlich bekannt war mir das eine Gesicht, rasierter Schädel, tausend Schmisse. Der Herr Studienassessor für Deutsch, Naturkunde und Turnen. Ob das, was die beiden dort im Grase taten, Turnen oder Naturkunde war, konnte ich bei dem Tempo nicht sicher ansprechen. In der Schule ging das Nörgeln dann bald los: „Solltest Dir lieber mehr Mühe geben als Reiten lernen!" „Lernen" hat er gesagt. Ich war ehrlich empört, ich reiten lernen, ich, der über Hecken und Gräben sprang, Jagden ritt, noch lernen. Mehr konnte er mich nicht beleidigend treffen. Sehr viele Jahre später erst habe ich eingesehen, was für ein kluger Mann er war (...)

"Nimm ein braves Pferd, es kann auch jung und schnell sein, laß Dich tragen über Felder, Gräben und Hecken, quäle es nicht und sei fröhlich im Sattel! Du kannst ihm große Leistungen abfordern."

Und so kommt bei vielen Reitern das Nachdenken und damit der Wille zum Lernen doch eines Tages. Ein Ritt auf einem ausgelernten Pferd, das Beispiel eines guten Reiters und der Wunsch ist da, das alles auch zu können. Wenige begreifen gleich, wie schwer und lang der Weg ist, bis man sich nur selbst darüber klar wird, was man schon und was man noch nicht kann. Die Ärmsten unter ihnen dünken sich sehr bald erfahrene Reiter zu sein. Sie sprechen nur noch davon, daß sie ihr Pferd arbeiten, begeben sich auf den Reitplatz, kniebeln und formen nach Gutdünken mit List oder Gewalt am Pferd herum und verwenden einen krampfigen Ernst darauf, die üblichen Reitbahnfiguren zuwege zu bringen oder mit mehr Bravour als Überlegung das Springen vielartiger Hindernisse zu üben. Wenn ein braves Pferd sich so auf diesen Reiter einstellt, daß es ihm schlecht und recht seinen Willen tut, dann ist er zufrieden mit seinem Bemühen. Andernfalls ist eben das Pferd schuld, es ist böse, widersetzlich, faul, heftig, stur oder was es sonst noch für viele Untugenden gibt. Sich selbst zu betrügen, ohne es zu merken, ist so leicht, als es schwer ist andere zu betrügen, ohne daß sie es merken. Leider wird manches gedeihliche Zusammenwirken durch diesen Selbstbetrug unmöglich gemacht. Das sich auf diesen Wegen einstellende Halbwissen ist oft schlimmer als Nichtwissen und zwar dann, wenn der Halbwissende sich seiner Halbheit nicht bewußt ist. Wird er sich aber derer bewußt, so ist mit diesem Bewußtsein die wichtigste Voraussetzung für die Vervollständigung seines Wissens gegeben. Auf gut gerittene Pferde kann man gern Anfänger setzen, die sich dem Pferd vertrauensvoll überlassen, aber keine ehrgeizigen Halbkönner, die nach ihrem Geschmack - mit falschen Maßnahmen korrigieren wollen. Diese werden den Ungehorsam bis zur Verzweiflung im Steigen herausfordern. Aber auch die Reiter, die vom Willen, reiten zu lernen, besessen sind, vergessen gar zu leicht, daß Reiten eine glückhafte Beschäftigung ist und keine Sucht, die Kreatur zu bändigen, sondern ein Spiel mit dem Partner Pferd mit dem Endziel, daß aus beiden Geschöpfen eines wird.

Im Anfang formt das Pferd den Reiter. Wenn man klug ist, dann bleibt man in dieser Hinsicht sehr lange ein Anfänger. Auf je mehr gerittene und ungeratene Pferde der Schüler heraufkommt, desto mehr Vorteil wird er davon haben...

Der Kern bleibt die Selbstschulung auf Grund des theoretischen Wissens, wie es sein soll. Dann baut man Stein auf Stein und begreift manchmal in Sekunden, wonach man jahrelang gestrebt hat. Man muß mit Bedacht zu Werke gehen und sich vor Augen halten, daß ein Pferd das Ausbalancieren des Reiters in allen Gangarten und über Sprünge sich genau so systematisch einüben muß, wie wir es müßten, wenn wir einen Krug auf dem Kopf tragen wollten (...) Man muß sich selbst beobachten, ob man's schon kann, ob man's richtig macht und an sich die Schuld suchen, wenn das Pferd unsere Hilfen nicht anerkennt. So kann man auch an Mißerfolgen Freude haben, wenn man dadurch nur herausbekommt, welchen Fehler man gemacht hat und gar in der Lage ist, ihn abzustellen. Man darf nicht sagen: „Was, du Mistvieh, du willst nicht?" Sondern: „Entschuldige, mein Tier, ich werde schon noch dahinterkommen, wie ich es lerne, dich peu ä peu auf den rechten Weg zu führen." Um ein Lebewesen zu beherrschen, muß man sich selbst beherrschen lernen. Zum Reiten braucht man gute Laune und Gelassenheit. Furcht, Ungeduld und Zorn sollte ein Reiter nie fühlen.

Wenn man reitet, um reiten zu lernen, dann wird es eine edle Leidenschaft, frei von Bitternis und Geltungstrieb. Dann bringt der Umgang mit dem edelsten der Tiere Ruhe und Ausgeglichenheit des Charakters, und sportliche Erfolge liegen am Wege. Jedes andere Motiv führt gar zu leicht zwischen Lachen und Tränen zur Unzufriedenheit oder Überheblichkeit, je nach Erfolg und Veranlagung. In allen anderen Sportarten gilt allein die persönliche Leistung, nur beim Reiten gibt es so viele Ausreden für eigene Unzulänglichkeit. Charakterlich schwache Menschen, die ihren Geltungstrieb nicht überwinden können, werden durch den Reitsport nicht besser. Entweder - oder! Nimm ein braves Pferd, es kann auch jung und schnell sein, laß Dich tragen über Felder, Gräben und Hecken, quäle es nicht und sei fröhlich im Sattel! Du kannst ihm große Leistungen abfordern. Oder - wenn Du Dich berufen fühlst, Pferde auszubilden, dann fang bei Dir selber an...

Warum sehnen sich nur so viele nach diesem Nimbus, alles am besten zu können und zu wissen? Laßt das Korrigieren und Kritisieren an Euren Freunden, gebt niemals ungefragt Ratschläge, überlaßt das den Fachleuten. Aber erkennt diese auch an; ihr Ausweis sind ihre eigenen Pferde, die Visitenkarte ihre Schüler. Bildet Euch nicht zu früh ein, zu ihnen zu gehören. Gewiß dürft Ihr Euren Kindern, Eurer Frau oder Freundin Reitstunde geben. Das gibt Auftrieb und macht Euch selbst am meisten Spaß. Auch zufällige Lauscher haben ihr helles Vergnügen an Euren Weisungen und Ratschlägen, denn mit gleichem Recht könntet ihr ohne besondere Vorbereitung Professor an der Kunstakademie spielen. Lästert nicht über Jugendliche und Amazonen, deren Pferde von Berufsausbildern vorbereitet werden. Das Nachreiten solcher Pferde in Prüfungen will auch mit viel Fleiß gelernt sein. Beneidet auch nicht den mit irdischen Gütern Gesegneten, der immer wieder mit neu gekauften, erprobten Springpferden erscheint und auf ihnen unverdiente Triumphe im Sport feiert. Laßt ihm den Spaß. Hütet Eure Zunge und nehmt Rücksicht auf die rätselhafte und einzigartige Mentalität der Reiter. Wenn Ihr einem guten Freund sagen würdet, er sei ein Gauner, dann wird er trotz seiner Entrüstung Aufklärung fordern. Wenn Ihr ihm aber spottend zu verstehen gebt, daß er schlecht reitet, wird er keine Aufklärung fordern, sondern nie mehr mit Euch sprechen. Ihr habt den Freund verloren. Denkt daran, daß die Mittelmäßigkeit alles verurteilt, was ihren Horizont übersteigt; darum fällt jedes böse Wort auf Euch selbst zurück. Übt Selbstkritik, und Ihr werdet damit genug zu tun haben.





 

[Udo Bürger: Vollendete Reitkunst.- Hannover, 1959. Nachdruck bei: Olms Verlag, 2006. Zitate S.29-34. Zitiert mit freundlicher Genehmigung der Paul Pietsch Verlage]

 

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