Herder
Aus Felix Bürckners "Ein Reiterleben"

Bei der Trakehner Auktion am 9. Mai 1935 erwarb ich Herder — als vierjährigen braunen Wallach ohne Abzeichen. Er maß 1.67/1.77 m, war also ein ausgesprochen großes Pferd, was ich sonst nicht so liebte. Aber er zeigte sich so über- ragend in seinen Bewegungen, so tief und gut fundamentiert, daß ich in ihm ein Ausnahmepferd sah und alles verzeihen konnte. Er war von Pilger a. d. Herdmütterchen v. Parsee xx gezogen, hatte im Vaterstamm die Vollblüter Monsieur Gabriel xx, Perfectionist xx und Shilfa xx, — die kleine drahtige braune Stute Herdmütterchen stammte von dem in Australien gezogenen und dort angekauften Vollblüter Parsee xx. Die besonders kleine Mutter durfte mir Gewähr dafür sein, daß Herder nidit mehr viel wachsen würde, und tatsächlich hat er sein Bandmaß 1.77 m behalten. Er kostete mich bis zum Stall sechstausend Mark, also viel Geld, konnte aber im Hinblick auf seine hohen Qualitäten immer noch als „geschenkt” gelten.

"Während der ersten beiden Jahre der Ausbildung ging ich mit Herder äußerst schonend um und erhielt ihm das Aussehen einer jungen Remonte, d. h. ich arbeitete ihn nur auf den großen Linien der Düppeler Galoppierbahn oder im Gelände, entwickelte im fleißigen Takte seine Schubkraft in freiem Trabe und Galopp, ohne dabei Maul und Genick anzurühren...

Herder, den ich remontemäßig angeritten übernahm, ging gut Jagd und sprang vorzüglich, — eine Mordsmaschine mit langem, brettförmigen Halse und großen, etwas langsamen Bewegungen, scheufrei, mit viel Herz und prachtvoll im Temperament. Er war materialmäßig absolut korrekt, so daß z. B. Graf Lehndorff mehrfach äußerte, für ihn sei er der Typus des Hauptbeschälers. Während der ersten beiden Jahre der Ausbildung ging ich mit Herder äußerst schonend um und erhielt ihm das Aussehen einer jungen Remonte, d. h. ich arbeitete ihn nur auf den großen Linien der Düppeler Galoppierbahn oder im Gelände, entwickelte im fleißigen Takte seine Schubkraft in freiem Trabe und Galopp, ohne dabei Maul und Genick anzurühren, ließ ihm also seinen langen Hals, brachte lediglich die Rückenmuskeln zum Schwingen und gewährte ihm nur eine ganz leichte, gleichmäßige Anlehnung an beiden Zügeln, die er vorn in der Horizontalen — ohne Strecken nach unten! — willig annahm. Sein tadelloser Schritt wurde immer noch freier und energischer am langen Zügel.

Dieses System hielt ich eisern etwa zwei Jahre lang durch, brachte Herder wohl zu Materialprüfungen heraus, die er — einschließlich Championat und Siegerpreis in Berlin — überall, auch z. B. in Hannover, gewann, aber hütete mich ängstlich davor, dieser gewaltigen Maschine irgendwie formend näherzutreten, — eine Konsequenz, die sich ungeheuer belohnt machte.

Das anfänglich etwas schleppende Treten verschwand vollkommen, — er lernte energisch federnd abfußen, bekam einen fleißigen Drei-Takt-Galopp, lernte spielend auf zeichenartige Hilfen hin die Tempowechsel und balancierte sich bei langbleibendem Halse so herrlich im Gleichgewicht aus, daß er in der großen Düppeler Reitbahn Eckenpassieren, Bahnfiguren und die dazu erforderliche leichte Längsbiegung und Stellung sich quasi von selbst holte und dann mit einem Male so weit war, daß er sich aus dem etwas gesammelten Schritt heraus zum Innen- und Außengalopp gleichermaßen geschmeidig auf beiden Händen hinsetzte, enge Galoppwendungen pirouetteartig anbot, einzelne fliegende Wechsel irgendwo in der Reitbahn in völliger Selbstverständlichkeit machte und dabei das Genick von selbst fallen ließ — in dem Maße, wie seine Durchlässigkeit durch die Tempoübergänge zunahm. Die fortschreitende Tragfähigkeit seiner herangeschlossenen Hinterhand bestimmte den Grad der Selbsthaltung und Aufrichtung im Halse.

Niemals habe ich Steifigkeiten auf der einen oder andern Seite bei Herder erlebt. Und niemals auch, solange ich das Glück hatte ihn zu besitzen, hat er je einen strafenden Schlag oder eine grobe Einwirkung erhalten. Infolgedessen war sein Vertrauen zum Reiter, zu Schenkel und Hand ein unschätzbares Geschenk, das sich zur höchsten Harmonie in allen weiteren Anforderungen des Dressuraufbaues bis zur Vollendung der Hohen Schule steigerte. Seine a-tempo-Wechsel im Galopp auf gerader Linie, auf Zirkeln oder Volten wurden zu einer unerreichten Kunstfertigkeit, seine Piaffe, sein Antritt aus ihr zur Passage und das stolze, majestätische Aushalten seiner diagonalen Beinpaare in der Passage selbst einmalig und wahrhaft imponierend, zumal der Reiter nie auch nur eine Andeutung einer Hilfe zu zeigen brauchte und mit stiller, tiefer Hand absolut unbeweglich ruhig auf stets schwingendem, hergegebenen Rücken am Sattel blieb.

Zu dieser Unbeweglichkeit ist allerdings generell zu sagen, daß sie das Auge täuscht, und daß sie in Wirklichkeit nur aus der schmiegsamen Elastizität aller Gelenke des Reiterkörpers resultiert, welche im Einklang mit dem elastisch feststehenden Kreuz ebenso wie das Pferd jedes Starrwerden vermeiden! Nur zehn Jahre habe ich Herder besessen — die Einnahme Berlins im April 1945 schwemmte ihn mit hinweg .... Aber er war mein bestes Pferd, und soweit ich es überblicken kann — jedenfalls für mich — das beste Dressurpferd der Welt.





 

[Felix Bürckner: Ein Reiterleben.- Verden 1957. Nachdruck bei: Olms Verlag, 2008.- ISBN: 978-3487-08185-4. Zitate S.348-350. Zitiert mit freundlicher Genehmigung des Olms Verlages]

 

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