Andiezügelstellen. Beizäumen. Aufrichten.
Aus der Heeresdienstvorschrift 12 (1912)

Aufrichten heißt diejenige Tätigkeit des Reiters, bei der das Genick des beigezäumten Pferdes höher gestellt wird (Bild 16). Es verfolgt den Zweck, das Gewicht von Hals und Kopf mehr der Hinterhand zuzuführen und damit zugleich die Hebelwirkung von Kopf und Hals auf Rücken und Hinterhand zu sichern. Die hierdurch verbesserte Gleichgewichtshaltung des Pferdes ermöglicht freiere und energischere Gänge.

Da man die Aufrichtung durch Biegung der Hinterhand erstreben muß, kann sie nicht durch eine einzelne Einwirkung des Reiters erreicht werden. Sie ist vielmehr hauptsächlich das Ergebnis der gesamten die Hinterhand biegenden Arbeit. Aufrichtende Einwirkungen der Hand auf Hals und Kopf sind indessen dabei meist nicht zu entbehren. Sie bestehen in einer höheren Führung entweder mit nur Passiv anshaltenden oder bei stärkerer Anwendung mit aufwärts steigenden Händen. Stets muß die aufrichtende Tätigkeit der Hand mit Hilfen verbunden sein, die die Hinterfüße unter den Leib bringen, damit diese, sich in den Gelenken biegend, die ihnen von der Hand zugeschobene Last besser tragen können. Ein Aufrichten bei uach hinten herausgestellten Hinterfüßen führt nur zum Durchbiegen des Rückens.

Beim Aufrichten auf der Stelle müssen die Hinterfüße, damit die Hinterhand richtig belastet werden kann, an eine durch die Hüften gedachte Senkrechte herangestellt und dann die vier Füße auf dem Platze festgehalten werden. Im Gange müssen an den Grad der Aufrichtung geringere Ansprüche gestellt weiden als im Halten. Niemals darf durch das Aufrichten die Reinheit der Tritte und die Gleichmäßigkeit des Tempos leiden.

Zäumt sich das Pferd in geringem Grade zu tief, so wird ein Herantreiben an die aushaltenden und höher gestellten Hände meist genügen. Kräftiges Vorwärtstreiben gegen die höher gestellte Hand zwingt das Pferd zum Vornehmen der Nase vor die Senkrechte und zum Längermachen des krausen Halses. Bei Pferden, die in zu tiefer Stellung von Hals und Kopf gleichzeitig den Rücken krampfhaft spannen und entweder mit der Hinterhand zu stark schieben oder sich im Gange Verhalten, vermag der Reiter durch das Längermachen des Halses und das Vorrichten ber Nase am besten zugleich auch die falsche Spannung der Rückenmuskeln zu beseitigen. Uberzäumt sich aber ein Pferd und widersetzt es sich durch Bohren auf die Hand oder entzieht es sich der Einwirkung, indem es hinter den Zügel geht, so muß der Reiter zuerst die Nase des Pferdes mit beiden Händen gleichzeitig oder auch abwechselnd unter tätiger Mitwirkung der Schenkel gerade nach vorwärts herausheben. Hat er auf diese Weise das Genick des Pferdes höher gestellt, so wird er die regelrechte Aufrichtung dadurch erzielen, daß er die wieder tiefer gestellten Hände so lange weich anstehen läßt, bis das Pferd im Genick nachgibt. Die Zügelanzüge gehen bei einem überzäumten Pferde nicht mehr durch den Rücken zu den Hinterbeinen, sondern schräg auswärts über den Widerrist hinweg.

Durch richtiges Aufrichten wird der Gang des Pferdes erhabener und elastischer. Der Grad der Aufrichtung, in dem das Pferd stet zu machen ist, muß sich immer nach dem Gebäude des Pferdes richten. Regelmäßigkeit und Schwung des Ganges geben den besten Prüfstein für das Maß der Aufrichtung. Der Reiter muß beizäumende und aufrichtende Hilfen sein gegeneinander ausgleichen.





 

[H.Dv.12.- Berlin, 1912.]

 

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