"Mehr oder weniger Humbug"
Aus Ernst Freiherr von Maercken zu Geeraths"Geländereiten und Springen"

Wer es nicht wirklich gut versteht, sollte jedenfalls von der höheren Dressur die Hände lassen. Es kommt für ihn meistens nicht viel dabei heraus. Im Gegenteil werden die Pferde dabei häufig recht gründlich verdorben und sind dann noch weniger brauchbar, als manches rohe Tier, das wenigstens nicht verdorben ist.

Vor allem ist es sehr schwer, in der Dressur dem Pferde das Freie, Individuelle, Gefällige, Ungebrochene zu belassen. Nur wenige sehr durchgerittene Pferde erhalten sich diese Eigenschaften. Die Mehrzahl wird schweifwedelnd geknechtet, unfroh, oft gar hinterlistig und tückisch in ihrem ganzen Ausdruck. (...) Diese zerbrochenen armen Geschöpfe warten auch im Terrain immer erst auf die Willensäußerungen ihres Reiters. Sie haben kaum eine eigene Meinung mehr, sie sind gewohnt, alles und jedes "von Oben" vorgeschrieben zu erhalten, und versagen daher häufig in Momenten, wo die Kunst ihres Herrn und Meisters einmal am Ende angelangt ist. Und das wird draußen recht oft der Fall sein. Bei verwachsenen Gräben, mehrfachen und unübersichtlichen Hindernissen, Wällen, ja schon bei jeder kleinen Rille und Ackerfurche muß man sich der Intelligenz und der Geschicklichkeit seines Pferdes anvertrauen. (...)

"Der stumme Protest, den Reitpferde fortwährend durch ihr ganzes Benehmen gegen ihre Herabwürdigung zu Karusselgäulen bekunden, ist rührend. Aber die Menschen verstehen die Sprache der Pferde nicht..."

Das ewige Bahn-, Zirkel- und Viereckreiten auf den Reitplätzen, nur auf geebnetem, flachen Boden muß Pferd und Reiter stumpfsinnig machen. Der gestreckte "Stallmeistersitz" mit langen Bügeln und hohen Fäusten ist im Gelände gänzlich unbrauchbar. Wer so reiten gelernt hat, muß draußen das Erlernte schnell wieder ab streifen und ganz umlernen. Nur im Sitz dies guten Jagdreiters kann man galoppieren und springen ohne das Pferd zu stören.

Die hohe Schule ist eine Sache für sich. Es ist sicher nützlich, daß diese Kunst nicht ganz verloren geht als Grammatik, in der man immer wieder die Regeln für den gewöhnlichen Sprachgebrauch nachschlagen und begründen kann. Aber die hohe Schule ist kein Ding für jedermann. Nur in den Händen wirklicher Künstler hat sie Sinn und Zweck. Sonst ist sie der größte Verderb, die größte und nutzloseste Tierschinderei, die man sich denken kann. Wieviel Schaden ist nicht durch sie in den Köpfen vieler Leute schon angerichtet worden! (...)

Alle anderen, die sich mit der hohen Schule befassen, treiben mehr oder weniger Humbug. Vor allem läßt sich eine solche Kunst niemals in Massen und nach vorgeschriebener Schablone betreiben. Viel kommt auf keinen Fall dabei heraus, und die darauf verwandte Zeit würde besser mit nützlicheren Dingen ausgefüllt werden. Schulreiterei ist ein Lebensstudium, ein fertiges Schulpferd ein Kunstprodukt jahrelanger Arbeit. Für die meisten Reiter hat es aber keinen Wert. Häufig werden sie durch diese Beschäftigung für naheliegendere Dinge, wie Geländereiten, nur allzu gründlich verdorben. Sie kniebeln bloß noch und sind selig, wenn sie aus dem geängstigten Tier schließlich eine Art Passage herausgequetscht haben, die, wenn man den Schaden besieht — doch noch unkorrekt und verkehrt ist. (...)

Die Reitbahn ist nur zum ersten Anreiten der Pferde, zum gelegentlichen Gebrauch, besonders bei ungünstigem Wetter da, wenn man im Freien nicht gut reiten kann. (...) Sobald draußen nur ein wenig Sonne am Himmel lacht, gehören Reiter, die diesen Namen verdienen, hinaus mit ihren Pferden in die Natur. Ob Schnee liegt oder ob es hart gefroren ist spielt dabei keine Rolle. Man braucht ja nicht auf dem Harten zu galoppieren. So ungesund die nur kurze, aber anstrengende tägliche Bahnarbeit ist, besonders wenn sie sich aus- schließlich in den Reithäusern abspielt (Brustseuchen und Influenza kommen allein vom Mangel an frischer Luft), so ungünstig für die Reiterausbildung ist auch das ewige Viereckreiten. Quengelige Pferde, die nur noch hintereinander herlaufen können, und steife Holzklötze von Reitern sind die Folge, Leute, die nie zum Loslassen kommen und nie aufhören, ihre Pferde zu zwicken und zu pisacken. Dergleichen hat mit Reiterei nichts gemein.

Jedes gesunde Pferd gehört täglich mindestens zwei Stunden an die frische Luft ins Freie, einmal wöchentlich aber möglichst einige Stunden länger. Der stumme Protest, den Reitpferde fortwährend durch ihr ganzes Benehmen gegen ihre Herabwürdigung zu Karusselgäulen bekunden, ist rührend. Aber die Menschen verstehen die Sprache der Pferde nicht — die Pferde sind leider nur zu gutmütig. Sie tun schließlich selbst das Unvernünftigste, was ihnen abverlangt wird. Darum merken ihre Peiniger oft gar nicht, welchen Unfug sie treiben.





 

[Ernst Freiherr von Maercken zu Geerath: Geländereiten und Springen.- Leipzig, 1913. Nachdruck bei: Olms Verlag, 1990. Zitate S.38-44. Zitiert mit freundlicher Genehmigung des Olms Verlages]

 

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