Ein Experiment
Aus Otto von Montetons "Anglomanie und Reitkunst"

Der Mensch hat dieselben Muskel- und Knochenschmcrzen, wie das Pferd, wenn Muskeln und Knochen über die Gebühr in Anspruch genommen weiden, und jeder Reiter kann Studien an seinem eigenen Körper machen, um sich von dem Grade dieser Schmerzen zu überzeugen.

Legen Sie sich gefälligst eine geringe Last auf den wagerechten ausgestreckten Arm und halten sie ihn dicht über ein auf die hohe Kante gestelltes Lineal, welches sie auf einen dem wagerechten Arm entsprechenden hohen Schrank stellen. Die ersten fünf Minuten werden Sie die Last durch Verschiebung und Schiefstellung des Körpers zu tragen suchen, aber es ist der Schmerz im Knochen des Unterarms, wenn man diesen zur Stütze fest auf das Lineal legt, noch größer, als die Muskelschmerzen; sehr bald aber wird der Schmerz in den Muskeln so groß, daß Sie willig das Lineal in den Arm sich einbohren lassen, weil es der geringere Schmerz ist, und weil Sie es nicht mehr lassen können.

Ganz dieselbe Manipulation macht das Pferd bei übertriebenen Anforderungen durch. Die schärfste Candare drückt ihm die Kinnlade durch, weil es dieses Stützpunktes unabänderlich bedarf, wenn seine Haltung nicht vorher geregelt ist, und doch soll der Gehorsam durch das Mundstück noch am vierten Finger des Reiters sitzen. Wenn Sie dies einmal probirt haben, und das Opfer einer Viertelstunde ist dieser Versuch wohl werth, so werden Sie zeitlebens Mitleiden mit dem Pferde haben, und keine Anforderung an das Pferd stellen, wodurch es dieser Tortur verfallen muß, denn nichts entspricht weniger der Wahrheit, als der Glaube, daß das Pferd aus Gehlust auf die die Zügel bohrt.

 

 

[Otto Digeon von Monteton: Anglomanie und Reitkunst.- Stendal, 1877. Nachdruck bei: Olms Verlag, 1995: Über die Reitkunst.- Zitat Seite 37/38. Zitiert mit freundlicher Genehmigung der Paul Pietsch Verlage]

 

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