Ein preußischer Rittmeister
Aus Otto von Montetons "Anglomanie und Reitkunst"

Mein erster Regiments-Kommandeur hatte keine Equipage und ritt öfter mit seinem Adjutanten im Winter und Sommer zu den Besichtigungen nach dem fünf Meilen[1] entfernten Schönebeck und war am Abend wieder zurück; das sind zehn Meilen und die Besichtigung auf demselben Pferde, und er war über 60 Jahre alt und fuhr nicht mit den Krümpern, um uns jungen Leuten zu zeigen, daß der Kavallerist zu Pferde gehört und nicht in den Wagen. Nennen Sie das pumplich? Da aber heute keiner im Allgemeinen aus freien Stücken — aber um Gotteswillen keine Wettleistung, die bin ich so unhöflich, nach dieser Richtung hin sehr gering zu veranschlagen — zehn Meilen reitet, und natürlich die Jugend nicht wissen kann, was 60 Jahre zu bedeuten haben, so werden viele von Ihnen glauben, daß, wenn Sie mit 25 Jahren ein ganz achtungswerthes Rennen von fünf Minuten geritten haben, Sie mindestens eben so viel gethan haben. Ich kann nicht anders, als die andere Leistung bedeutend höher anschlagen; denn — ich bin sehr oft in meinem Leben zehn Meilen geritten und weiß, was es sagen will. Dieser Regiments-Kommandeur schlug uns niemals den Urlaub zu den beinah' allwöchentlich stattfindenden Hofbällen entweder in Ballenstedt oder Bernburg Coethen, Dessau*) und im Sommer Alexisbad ab, jedoch er setzte hinzu: „aber geritten und morgen früh zum Dienst wieder da!" Ob Sie diese Erziehung pumplich nennen können? Ich möchte es bezweifeln.

Ein Ritmeistcr v. W. mit dem ich 1840 noch Lieutenant war, und der die Campagne 1813 schon mitgemacht, also im Herbst 1840, wo er die Schwadron bekam, auch 45 Jahr sein mochte, war nach unserer Anschauung ein Musterbild von Campagne-Reiter. Wenn ich des Abends im Zwielicht noch in der Bahn ritt, denn ich ritt von guten Bekannten vom Lande öfter ein Pferd zu, dann kam, wenn es so recht glatt war, dieser Rittmeister — (er war jetzt bereits ein 50er und ritt stets barfuße Pferde, hatte zwei Feßraer Stuten und sprach es als eine Art Genugthuung aus, daß er es mit der Zeit in der Schwadron dahin gebracht hatte, nur 14 beschlagene Pferde zu haben, immerhin ein Beweis, daß die Pferde sehr gut in Haltung gewesen sein müssen; denn Pferde ohne Haltung leiden vorne an den Sehnen Schaden, wenn sie dauernd auf Weizenboden unbeschlagen gehen;) — sah zur Bahnthür herein, rief mich beim Namen und sagte: „Sitzen Sie schon wieder in der alten dumpfigen Bahn, kommen Sie heraus, heut ist es schön glatt, da können Sie sehen, ob Ihr Pferd in Haltung ist!" Und dann galoppirte er, natürlich in tadelloser Haltung und ganz langsamer Kadenz, eine möglichst große Volte auf einer gefrorenen Eisfläche, auf der Herrenbreite — unserem Hyppodrom, würde man heute sagen. — Dies konnte ich ihm natürlich nicht nach machen, sondern ihn nur bewundern, was ihm Beides nicht unangenehm war. „Nun will ich Ihnen was lehren", sagte er eines Tages bei einem solchen Ritt, „nun wollen wir hier traben, und wenn wir auf die Eisfläche kommen, dann wird parirt; glitscht Ihr Pferd vorne dabei, dann ist es noch nicht in Haltung, und dieser Druck, der bei der Parade ohne Haltung auf die Vorderbeine ausgeübt wird, der ruinirt sie, und davon kann man sich auf dem Glatteis am besten überzeugen, daß Haltungslose Paraden die Vorderbeine angreifen."

„Daß unser Hals auch dabei in einer nicht ganz gesicherten Lage war, darüber hat er nie eine Bemerkung gemacht; denn die alte Zeit bekümmerte sich immer nur um die Pferde, und nie um die Reiter."
So belehrend die Sache auch sein mochte, so fühlte ich doch sehr wenig Lust, auf diesem Wege meine Kenntnisse zu bereichern, denn auf dem Glatteise bin ich nie ein Held gewesen und vielleicht grade deshalb viel darauf gefallen; aber da trabte er schon an und die Sache war nicht mehr zu ändern, und ich war froh, wie ich Knie und Ellenbogen glücklich über die Fläche hinüber rutschte. Während ich da herumturkelte, und es noch keineswegs entschieden war, ob ich zu liegen oder zu stehen kommen würde, sagte er nur allein mit der Sache beschäftigt: „Sehen Sie, habe ich es Ihnen nicht vorher gesagt, daß der Hund noch keine Haltung hätte! Ein Pferd in Haltung kann bei der Parade hinten rutschen, aber vorn darf es nicht rutschen!" Und wie oft sind wir da stundenlang im Mondschein unser sechs bis sieben Offiziere geritten, wenn Schnee lag, da am Tage keine rechte Zeit war. Ich wohnte auf der Herrenbreite und es ist öfter, ich kann ohne Übertreibung sagen, recht oft vorgekommen, daß gegen 9 Uhr Abends noch der Eine oder der Andere an meinen Laden klopfte, sich das Pferd abnehmen ließ und bei mir Thee trank.

Wenn der Rittmeister v. W. mich im Sommer auf einen schmalen Fußsteig an einem starken Abhang des Vorharzes kriegen konnte, dann freute er sich und sagte, indem er vorritt: „Sehen Sie, hier müssen die Hunde aufpassen, denn wenn sie hier fehltreten, dann brechen sie den Hals!" und nun trabte er los, was er konnte. Daß unser Hals auch dabei in einer nicht ganz gesicherten Lage war, darüber hat er nie eine Bemerkung gemacht; denn die alte Zeit bekümmerte sich immer nur um die Pferde, und nie um die Reiter. Folgendes habe ich nicht selbst gesehen, aber er soll es so oft gemacht haben, — und Zuschauer waren ihm keineswegs unangenehm — so daß ich gar keinen Zweifel hege, daß er es ausgeführt hat: Er galoppirte in Schönebeck eine hölzerne Rampe an der Giebelseite einer Ziegelscheune in die Höhe, die oben eine 16 Quadratuß große, also 4 Fuß lange und 4 Fuß breite Plattform ohne Geländer hatte, wo er sich das Pferd langsam vorn in die Höhe hob, es in der Luft langsam umdrehte und dann wieder herunter galoppirte. Manche, die nichts davon ahnen, welche Gewalt über das Pferd dazu gehört, um so etwas auszuführen, und denen nur Wasser, Holz und Stein imponirt, halten dies vielleicht für eine brodlose Kunst, aber pumplich können Sie es doch nicht gut nennen, ebenso wie das Windmühlenreiten der Seidlitz'schen Zeit; dies machte alles die Feßraer Rappstute, die er auch täglich in der Bahn mit den Vorderfüßen in eine zugemauerte Fensternische hinein hob, und sie darin abbrach. Wir verkehrten sehr viel privatim zusammen, und es war etwas Eifersucht von seiner Seite dabei, denn er liebte jugendliche Verehrer, und ich stellte meinen Rittmeister, als logisch-denkenden Reiter und Reitlehrer doch noch unendlich viel höher, als ihn, und sagte ihm eines Tages, als er mich durch feine Leistungen entzückte: „Nein, Herr Rittmeister, wie jammerschade ist es, daß Sie bei Ihrer unübertrefflichen Reitfähigkeit nie sich logisch durchgebildet haben!" — Er nahm mir meine etwas vorlaute Rede keineswegs übel, aber seine Antwort hatte auch nicht den geringsten Anspruch auf einen Satz aus Alberti's Komplimentirbuch oder auf einen parlamentarischen Ausdruck. Seine Unlogik bestand darin, in der Reiterei Alles Loslassen, Ertödten zu nennen. Mir fiel bei seiner Methode — will ich es nur nennen — immer das Ptolemäus'sche und Copernicus'sche Sonnensystem ein. Die Berechnungen treffen in der Hauptsache bei beiden zu, aber der eine sagt die Erde steht still, der andere die Sonne. Man kann sich denken, wie sehr wir uns gestritten haben!

Die Feßraer Fuchsstute, die er noch hatte, war noch nicht thätig und wie alle Feßraer durch ihren mißtrauischen Charakter und ihre Energie nicht jedermanns Pferd. — Ich glaube aus diesen Gründen ist das Gestüt auch eingegangen, da sich zu wenig Liebhaber für diese Pferde fanden, und sie deshalb schwer zu placiren waren. Mit dieser exercirte er aber auch die Schwadron, wurde mehr wie ein Mal vor der Front abgebockt, und saß oft vor der Schwadron mit ihr fest, wo er dann nur, wenn die Schwadron angetrabt kam, dem Zug, der ihm gerade gegenüber ritt, zurief: „Artillerie Platz machen!" und dann nachgejagt kam. Damals machte sich aber durch solch momentanes Festsitzen Niemand lächerlich, „wir hatten es Alle schon bis zu einer Niederlage gebracht", und wußten, daß jeder Reiter so zu sagen mit Wasser kocht, wenn er dem Pferde an die Nieren kommt. Nur wer die Pferde immer lang weggehen läßt, der bekommt zwar nie ein gerittenes Pferd, aber festreiten thut er sich wahrscheinlich nicht, und das muß ich einräumen, festsitzen sieht man heute selten einen Reiter mit dem Pferde. Wer das für ein Kompliment nehmen will, dem will ich es machen; ich halte es für ein sehr zweideutiges Kompliment, und will nur dabei erwähnen, daß ein keineswegs pumplicher Reiter dazu gehört, sich wieder los zu reiten; denn solch großer Feind ich vom sogenannten Herumbalgen mit dem Pferde bin, so heißt es, wenn der Konflikt plötzlich eintritt: „Wer vor der Hölle ist, muß durch!" und das giebt doch manchmal ein ganz ekliges Katzenstechen, welches ohne ein sehr energisches Eingreifen dem Reiter den Sieg nicht wieder in die Hände giebt; denn Sie wissen (Fürst Bismarck ist eine Autorität), Konflikte führen zu Machtfragen! Ohne selbst zu ermüden, könnte ich noch stundenlang von Herrn v. W. erzählen, aber ich will Sie nicht ermüden und nur noch mit einer Anekdote schließen.

„Damals machte sich aber durch solch momentanes Festsitzen Niemand lächerlich, „wir hatten es Alle schon bis zu einer Niederlage gebracht", und wußten, daß jeder Reiter so zu sagen mit Wasser kocht, wenn er dem Pferde an die Nieren kommt."

Am 10. März 1848 — also vor dem Berliner Straßen-kampf — wurden wir durch Staffelte nach Magdeburg geholt, und ich wurde für diese Zeit zu seiner Schwadron kommandirt. Sobald wir durch Allarmiren der Garnison — wir bivouackirten auf dem Fort Scharnhorst — in das Sudenburger Thor eintrübten, sollten wir den Domplatz säubern. Die Fußartillerie war uns aber schon zuvor gekommen, und auf dem Breiten Weg stand Alles Kopf an Kopf, und er ritt immer ganz allein in die Volkshaufen, ließ seinen Fuchs eine Lancade nach der anderen machen und rief dabei immer: „Nach Hause gehen!" Jede Lancade wurde immer schöner, wo sie die Direktion hin hatte, stob Alles von der Seite, aber alle Uebrigen blieben stehen und sahen zu. Da ritt ich zu ihm heran und sagte: „Herr Rittmeister, wie werden die Leute denn nach Hause gehen, solch' Schauspiel müssen sie bei den Kunstreitern mit einem Thaler bezahlen, was sie hier ganz für umsonst haben," und dies machte wirklich solchen Eindruck auf ihn, daß er es nicht lassen konnte, ihnen etwas vorzureiten; dies dauerte wohl eine Viertelstunde bis der Befehl kam, wir sollten den Breiten Weg säubern, womit dann seine Vorstellung schloß. Nach einigen Tagen wurde in den Magdeburger Kneipen erzählt, er wäre immer über die Feuertienen fortgesprungen, durch deren Zusammentragung sie kleine Versuche zu Barrikaden gemacht hatten, was er natürlich nicht gethan hatte.

Sein Grundsatz, den er bei jeder Gelegenheit aussprach, war: „Alles, was lebt, ist faul! und ich", fuhr er fort, „habe noch nie auf einem Pferde gesessen, was nicht lieber nach Hause gegangen wäre, als vom Stalle fort."

Es ist ihm öfters nachgerechnet worden, daß er an einzelnen Tagen ein Pferd hinter einander acht Stunden gearbeitet hat, und dann nur von Zeit zu Zeit in der Bahn erschien, um mit der Schaumkelle den strömenden Schweiß vom Pferde zu entfernen. Dabei hat er nie ein Pferd kaput geritten, aber glauben Sie, daß solch' Reiter im Regiment es dulden würde, daß die Herren nicht alle Tage ihre beiden Pferde ritten. Sie würden das: „Alles, was lebt, ist faul" so oft zu hören bekommen, daß sie vorziehen würden, alle Tage ihre beiden Pferde zu reiten.

Sollte nicht nach dieser Richtung hin — und dazu habe ich eine skizzirte Schilderung seiner Person gemacht — jedes Regiment einen Reiter dieses Genres auszuweisen gehabt haben, nur daß dies weder in die Zeitungen kam, noch irgend vor einem auswärtigen Publikum bekannt wurde, und sollten sich selbst der Anzahl nach, bei der halb so großen Kavallerie von damals, nicht eben so viel schneidige Koryphäen gefunden haben, wie jetzt, und das waren alte Herren, die in den 50er Jahren waren; denn von uns Jungen war überhaupt nicht die Rede, wie dies ganz gut und wünschenswert!) ist; denn der Jugend gebührt nicht das Scepter in der Reiterei. Also nur, weil sie kein Wasser und Holz auf öffentlichen Plätzen sprangen, deshalb nennt sie die heutige Zeit pumplich.

 

)*Anmerkung. Dessau war eine Ausmahme, das waren acht Meilen, also 16 Meilen und eine durchtanzte Nacht, und später, wo die Eisenbahn fertig war, bis Coethen hatte man nur zehn Meilen zu reiten, mußte sich aber nach den Zügen richten; hierzu gab es einen Tag Urlaub. Zu den übrigen Bällen wurde aber keine Stunde Dienst versäumt.

 

[1] Die deutsche Meile hatte 7,5 Kilometer.

[Otto Digeon von Monteton: Anglomanie und Reitkunst.- Stendal, 1877. Nachdruck bei: Olms Verlag, 1995: Über die Reitkunst.- Zitat Seite 109-113. Zitiert mit freundlicher Genehmigung der Paul Pietsch Verlage]

 

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