Korrektur eines echten Bockers im Sattel (1857) und wie ich heute mit ihm verfahren würde
Aus Peter Spohrs "Die Logik in der Reitkunst"

Wenn man jung und ein passionierter Reiter ist, schon auf vielen schwierigen Pferden gesessen hat und sich fest im Sattel fühlt, ist man sehr geneigt, Dinge zu unternehmen, welche man vernünftigerweiser in dieser Art nicht unternehmen sollte. Ich habe vieles derartige unternommen, ja ich möchte heute sagen, ich habe dabei ein unvernünftiges Glück gehabt. Dazu gehört auch die nachstehende, im Sattel vorgenommene Kur eines echten Bockers, einer arabischen Originalstute.

Diese hatte 1853 mein späterer Abteilungskommandeur, Major Lehmann, auf einer Auktion von ausrangierten Spahi—Pferden in Metz gekauft. Das damals 5 jährige Tier, eine Schimmelstute mit feinsten aber festesten Knochen und einem geraden, sehr kurzen Rücken bei schlankem, edlem Halse und leichtem Kopfe, war ausrangiert worden, weil vier Spahis auf ihm schwer zu Schaden gekommen waren — zwei sollten den Hals gebrochen haben. Dies, und dass die Stute an starkem Sattelzwang leide, war bei der Auktion verkündet worden. Der damals hoch in den fünfziger Jahren stehende Major und Kommandeur der Luxemburger Festungsartillerieabteilung Lehmann war ein vorzüglicher Reiter und kaufte das edle Tier, auf das fast niemand bot, für 150 Franken. Er hatte sich Burschen und Sattelzeug etc. von Luxemburg mitgebracht.

"Ich habe später von französischen Kavallerie- und Artillerieoffizieren, die uns zuweilen in Luxemburg besuchten, erzählen hören, wie sie den ,,alten Major" mit Verwunderung das Pferd hätten kaufen und auf ihm abreiten sehen. Sie hätten unter sich die Befürchtung ausgesprochen, dass Major L. Luxemburg wohl lebend nicht erreichen werde. "

Vorsichtig liess er die Stute satteln, erst die Gurte fest anziehen und das Tier vom Burschen eine Weile im Kreise auf jeder Hand herumführen, dann wieder die Gurte um ein paar Loch nachlassen. Er befreundete sich mit dem Tier, fütterte ihm einige Stückchen Brot, streichelte es und bestieg es dann. Nach seiner eigenen Angabe hat er zuerst, fast ohne sein Gewicht in den Sattel zu bringen, in den Bügeln stehend das Tier angeritten. Als er nach einigen hundert Schritten dessen Lust, anzutraben, gespürt, habe er es traben lassen und ganz allmählich sein Gewicht in den Sattel gebracht, immer aber darauf gehalten, der Stute, als deren weiche Seite er die rechte ermittelt hatte, den Kopf bis zum vierten Halswirbel rechts zu stellen. Das Pferd ging allmählich immer besser und L. gelangte in mehrstündigem Ritt auf ihm glücklich nach Luxemburg.

Ich habe später von französischen Kavallerie- und Artillerieoffizieren, die uns zuweilen in Luxemburg besuchten, erzählen hören, wie sie den ,,alten Major" (L. trug schon damals eine Perücke) mit Verwunderung das Pferd hätten kaufen und auf ihm abreiten sehen. Sie hätten unter sich die Befürchtung ausgesprochen, dass Major L. Luxemburg wohl lebend nicht erreichen werde. Als ich 1855 die Schimmelstute unter Major L. zuerst sah, ging sie vor der Abteilung, die zwei bespannte Züge (Ausfallbatterie) hatte, vorzüglich, machte aber zuweilen doch noch einen leichten Bocksprung, wobei L. sofort ihren Kopf stark rechts nahm und einige Schritte Schulterherein ritt. Dann war der Ge- horsam wiederhergestellt.

1857 bei der Schiessübung in Trier hatte Major L. in der Pause, welche dadurch entstand, dass die beiden Luxemburger Kompagnien (der 4. und 7. Artilleriebrigade) hintereinander die Übung abhielten, sechs Tage Urlaub genommen und während dieser Zeit seinem Adjutanten, dem "langen S." — er war 6 Fuss 4 Zoll gross und galt für einen guten Reiter — die Schimmelstute zum Reiten übergeben. An einem Sonntag hatte die Stute gestanden, und als sie S. am Montag vor dem Stalle an der Palastkaserne bestieg, wurde er sofort von ihr durch Bocken abgesetzt, was sich dann mehrfach wiederholte. S. hatte die Schwäche, das Tier in den Stall führen zu lassen und den Versuch, es zu besteigen, erst am folgenden Tage zu wiederholen, mit noch schlechterem Erfolge. Er wurde viermal, zuletzt mit schmerzhaften Kontusionen, abgesetzt und schilderte mir abends im Kasino das Bocken der Stute in folgender Weise: "Sie schnellt sich mit allen vier Beinen etwa 4 Fuss hoch in die Luft, zieht dabei den Rücken fast zu einem Halbkreise zusammen und kommt, heftig in die Zügel stossend, mit einem solchen Ausschnellen zu Boden, dass man sich nicht im Sattel erhalten kann und sofort über den Kopf fliegt." Er knüpfte an diese anmutige Schilderung dann die Bitte, ich möge doch die Stute wieder in Ordnung zu bringen versuchen, da der Major am Donnerstag abend wiederkomme und sicher sehr unangenehm berührt sein werde, wenn er die Stute in so unliebsamer Verfassung vorfände.

Wenn man einen gewissen Ruf mal erlangt hat, muss man ihm entsprechen, und so sagte ich ohne weiteres die Korrektur der Stute zu. An eine andere Korrektur als die unterm Sattel dachte ich damals noch nicht, beschloss aber doch, nachdem auch andere Kameraden, die dem blitzartigen Abbocken des grossen, Kameraden beigewohnt, mir die kraftvollen und gewandten Bewegungen der Stute geschildert, einen besonderen kleinen Trick anzuwenden. Ich liess mir nämlich am andern Morgen, da um 7 Uhr der Ritt auf dem Schimmel vor sich gehen sollte, vom Burschen unmittelbar vor dem Verlassen meiner Wohnung das Hirschleder der Reithose mit einem feuchten Schwamme der ganzen Reitfläche entlang abreiben. Das klebt am Sattel und ist probat.

So ausgerüstet und mit einer kräftigen kurzen Hetzpeitsche bewaffnet, betrat ich am Mittwoch morgen den Kampfplatz. Die Stute, mit Major L’s Reitzeug ausgerüstet, wurde vorgeführt. Ich bog sie eein paarmal auf die Kandare — es war ja die Zeit, wo Bauchers Methode florierte — ab, liess sie sich abkauen, fütterte ihr ein paar Stückchen Kommissbrot und stieg dann, ihr den Kopf stark rechts abbiegend (siehe Teil II, S. 11-13) in den Sattel. Ob ich beim Ordnen der Zügel ihr zu sehr nachgegeben, oder ob sie selbst sich Kopf und Hals gerade geschnellt, weiss ich nicht mehr zu sagen, aber im Moment, wo ich mich eben im Sattel zurechtgesetzt, erfolgte ein hoher, kräftiger Bocksprung. Unterstützt von meinem klebenden Reitbesatz blieb ich fest im Sattel und es gelang mir im Niederkommen, der Stute den Kopf ziemlich hochzunehmen. Trotzdem erfolgte sofort ein zweiter noch kräftigerer Bocksprung, bei dem es mir aber gelang, der Stute, während sie mit allen Vieren in der Luft war, zwei kräftige Hiebe mit der Peitsche unter den Bauch zu versetzen. Nachdem sie sich blitzschnell noch einen dritten gewaltigen Bocksprung, bei dem sie sicher mit den Hufen 4 Fuss über dem Boden schwebte, geleistet, während desselben aber auch 2-3 noch schärfere Hiebe erhalten, denen, als sie den Boden wieder mit allen Vieren erreicht, noch ein Hagel von Hieben mit Sporen zugleich folgte, flog sie, wie von Furien gejagt, über den Palastplatz auf die Promenade hinaus, wo ich sie rechtsherum an den römischen Bädern vorbei lenkte.

"Abends im Kasino, als noch manche Kameraden, die von dem Ritt gehört, mir Glück wünschten, äusserte dann auch Rittmeister v. W. zu mir: ‘Nun, das hat ja gut gegangen heute morgen. Aber eins möchte ich Ihnen doch sagen, Herr Kamerad: Alle grossen Reiter, die ich kennenlernte, waren Diplomaten!’ "

Je toller sie lief, um so mehr Hiebe und Sporen gab es, so dass wir in wilder Flucht das südwestliche Ende der Promenade erreichten, wo ich rechtswendend dann Moselabwärts den Quai entlang sauste. Hinter dem dort befindlichen Schiifskran lagen mehrere Haufen von grossen Mühlsteinen, etwa 1 m hoch. Auf einen derselben sprang die Stute hinauf und versuchte dort, auf eigene Faust die "Mühle" zu machen. Ich beförderte das durch geeignete Hilfen und sie drehte sich wie ein Kreisel, wobei mir nur der Gedanke sehr störend war, dass sie mit den Beinen in das viereckige Achsenloch des oberen Mühlsteins hineingeraten und sie brechen könne. Sie mochte sich vielleicht ein halbes Dutzendmal mit schwindelnder Eile gekreiselt haben, als sie plötzlich von den Mühlsteinen ab und direkt in die, dicht neben der Quaimauer etwa 2 Fuss Wassertiefe zeigende, Mosel sprang. Das war mir gerade recht. Ich trieb sie so tief hinein, dass das Wasser mir über den Sattel ging und nun ging es ein paar hundert Schritte Moselabwärts, halb schwimmend, halb schreitend und trabend, wobei es unter Wasser fortwährend Sporen setzte. Als die Stute durch Schnaufen und Stöhnen deutlich kundgab, dass die Lektion ihre Schuldigkeit getan, ging’s ans Ufer und nun wieder rechtsherum nach der Maximinkaserne immer im langen Galopp und von da erst im kürzeren und allmählich im Paradegalopp nach dem Palastplatze zurück.

Als ich dort ankam — es mochte der ganze Ritt inkl. Zwischenfälle etwa 3/4 Stunden gedauert haben — fand ich die mich laut akklamierenden Kameraden — mehrere erklärten mir später, sie hätten alle befürchtet, den Schimmel ohne mich zurückkehren zu sehen — dort noch versammelt und ritt ihnen nun den Schimmel im Trabe und Galopp, in Volten und Achten vor. Die Stute war windelweich geworden, fügsam wie ein Lamm und ich wurde von allen Seiten beglückwünscht; nur der ebenfalls anwesende Rittmeister v. Wedell vom 9. Husarenregiment, ein sehr renommierter Reiter, blieb stumm. Ich belobte mein Tier, streichelte es, fütterte ihm einige Brotstückchen, durch deren freundliche Annahme es auch seinerseits seine Versöhnung bezeugte und liess es dann zur sorgfältigen Stallpflege, die ich selbst noch 1/4 Stunde lang überwachte, abführen*).

Abends im Kasino, als noch manche Kameraden, die von dem Ritt gehört, mir Glück wünschten, äusserte dann auch Rittmeister v. W. zu mir: "Nun, das hat ja gut gegangen heute morgen. Aber eins möchte ich Ihnen doch sagen, Herr Kamerad: Alle grossen Reiter, die ich kennenlernte, waren Diplomaten!" Das Wort schlug bei mir ein und ich habe mich von Stund an bemüht, meiner Dressur- und Reitkunst die nötige Diplomatie beizumischen, die wohl ausser in allmählicher Beseitigung der im Pferde selbst liegenden Schwierigkeiten hauptsächlich in dem Rate v. Kranes gipfelt, alle Kämpfe möglichst im kleinen zu halten. Vielleicht ist der Rat, ihnen vorzubeugen, noch besser und, um diesen zu beleuchten, möge mir zum Schlusse dieses Abschnitts noch gestattet sein, hier einen kurzen Plan zu schildern, wie ich dieselbe Aufgabe heute zu lösen versuchen würde.

Ich würde das sattelzwangige und mehrere Tage gestandene Tier natürlich zunächst 1/2 Stunde unter Sandsackbelastung longieren und erst dann, wenn es dabei gut gegangen, besteigen und reiten, aller Wahrscheinlichkeit nach, da das Pferd ja vorher schon gut geritten war, ohne jeden Kampf oder Gefahr. Sollte das Pferd aber unter Sandsackbelastung bocken und Kapriolen machen, so würde ich ihm einen Vorderfuss aufschnallen und es so 1/2 Stunde auf beiden Händen longieren, ja nach Umständen diese Prozedur mit dem andern aufgeschnallten Vorderfuss wiederholen. Ich bin überzeugt, dass ich im Sattel dann keinerlei nennenswerte Kämpfe mehr zu bestehen haben würde. Hätte ich seiner Zeit in dieser Weise verfahren, so würde jeder Kampf im Sattel mit dem bockenden Pferde ebenso vermieden worden sein, wie die Gefahr, dem edlen Tier auf dem Mühlsteinhaufen ein Bein zu brechen oder es infolge des kalten Moselbades bei schweissbedeckter Haut einer starken Erkrankung auszusetzen.

 

*) Ich ritt die Stute am folgenden Tage nochmals, wobei es ohne alle Schwierigkeiten abging. Als dann der abends zurückgekehrte Major L. am Freitag seinen Schimmel wieder bestieg, sehr mit ihm zufrieden war und sich bei seinem Adjutanten Leutnant S. . .1 bedankte, war dieser ehrlich genug, ihm seine und meine Erlebnisse mit der Stute zu berichten. Die Folge war, dass ich fortan mit dem Ehrenamt betraut wurde, die Stute zu reiten, so oft Major L. verhindert war.




 

[Peter Spohr: Die Logik in der Reitkunst; Dritter Teil.- Stuttgart, 1908. Nachdruck bei: Olms Verlag, 1998. Zitate S.133-137. Zitiert mit freundlicher Genehmigung der Paul Pietsch Verlage]

 

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